Julia
Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass das Zeugnis eines Menschen -in diesem Falle meines- wohl so lange nicht endet, bis ich selbst bei Gott im Himmel bin. Es gibt immer wieder neue Lebensabschnitte, Höhen und Tiefen.. Erst ist man Kind - man ist auf der einen Seite unbeschwert, fröhlich und offen.. Auf der anderen Seite aber (so, wie es heute, oder überhaupt auch in unserer Zeit, vielen Menschen ging und immer noch geht): hin- und her gerissen zwischen den beiden Menschen, die sie über alles und bedingungslos lieben. Ihren getrennten Eltern. Vielleicht hatten sie auch gar keine oder hatten nie wirkliche Liebe erfahren dürfen.
Irgendwann fängt man dann an, Zusammenhänge aus dem leben, aus dem Umfeld zu ordnen, erkennen und zu verstehen... Das Teenagerleben ist, denke ich, eine Zeit, in der der Mensch entweder voll aus sich rausgeht oder viel zu introvertiert wird- d.h. dass er viel zu sehr in sich kehrt und eher ruhig ist. Alles in Allem eine Zeit, in der wir erwachsen werden, uns langsam von unseren Familien trennen, unsere eigenen Wege gehen und davon träumen, & vielleicht auch versuchen, Neues zu schaffen- jeder auf seine eigene Art.
Dann wird man erwachsen, übernimmt Verantwortung im eigenen Beruf, in der Beziehung zu seinem Ehepartner und seinen Kindern. Lebt seinen Alltag mit viel oder weniger Stress, sucht nach einem Ziel oder irrt vielleicht auch wahllos umher.
Irgendwann werden wir dann alt. Haben viele Erfahrungen gesammelt, können unseren Kindern und Kindeskindern mit weisem Verstand und unseren Erfahrungen Rat erteilen. Vielleicht wird man dann auch noch krank - eine Zeit, in der wir wahrscheinlich die Liebe und Fürsorge wiederbekommen, die wir einst anderen Menschen darbringen durften. Also ein langer Weg mit vielen Abschnitten und vielen Erkenntnissen Im Leben ..
Ich für meinen Teil, stehe gerade an einem Punkt zwischen den beiden Stühlen, erwachsen zu werden, das heißt, vieles zu hinterfragen, mich von meiner Vergangenheit zu lösen und versuchen, meine eigenen Wege zu gehen und zwischen dem Punkt erwachsen zu sein, mit der ganzen Verantwortung; die ich in meinem Beruf habe, der Verantwortung meinen Mitmenschen gegenüber und meinem momentanen Ziel, mein Leben irgendwie geordnet auf die Reihe zu kriegen.
In dem ersten Teil meines Zeugnisses habe ich beschrieben, wie ich Christ geworden bin, jetzt versuche ich zu beschreiben, wie ich Christ bin (zumindest ein kleiner Ausschnitt, sonst würde ich ja Romane schreiben.)
Seit ich von zuhause ausgezogen bin, hat sich vieles verändert. Meine Ausbildung habe ich zu Ende gebracht, mittlerweile habe ich sogar einen Beruf und wohne in einer WG. Alles normal und Friede Freude Eierkuchen könnte man denken..
na ja... Das nur mal so am Rande
Ich hatte im ersten Teil erzählt, wie sehr ich mich gefreut habe, dass ich meinen leiblichen Vater wieder gefunden habe ( bzw. wir uns wieder gefunden haben) es war eine schöne, aber auch oft sehr schwierige Zeit , voll Stolz, Hass, Weinen, Vergangenheit und so.. ich habe oft versucht, mit ihm über den Glauben zu reden, hab mich aber nie richtig getraut. Er hat mich 2 oder 3 mal gefragt, ob ich ihn mit in die Gemeinde nehme, aber ich habe mich geschämt (bzw. hatte ich Angst, mich schämen zu müssen, da er durch seine ehemalige Alkoholabhängigkeit oft sehr verwaschen redete und manchmal auch beim Gehen stolperte, etc.) mittlerweile weiß ich, dass es bescheuerte Gründe waren, ihn nicht mit in die Gemeinde nehmen zu wollen! Grausam, wenn ich daran zurück denke.. Mein Vater hat viele Sachen getan und gesagt, die ich nicht verstehen konnte und die auch teilweise sehr verletzend waren...
Ja, das ist alles in den letzten 5 Jahren passiert, mittlerweile ist er seit ca. 10 Monaten tot. Er ist plötzlich sehr krank geworden und kam ins Krankenhaus. Das letzte Jahr war eher eine Zeit, in der ich nicht so viel bei ihm war und eher - wahrscheinlich unbewusst- versuchte, mich von ihm fernzuhalten. Vielleicht durch Enttäuschung, Angst oder Unwohlsein, keine Ahnung, zumindest hatte ich wahrscheinlich nie wirklich die Kraft, mich diesen Gefühlen zu stellen... Jetzt ist es zu spät.. Nachdem ich von seiner Krankheit erfuhr, hatte ich nur noch ca. 2 Wochen Zeit, ihn besuchen zu können und davon musste ich noch die meiste Zeit arbeiten, das hieß, ich hab ihn vor seinem Tod nur noch ca. 5 mal gesehen.. Einmal saßen wir lange Zeit da und habe geredet, er hat mir von seiner Angst erzählt und hab endlich den Mut gehabt, offen mit ihm über Jesus zu reden. Und das war auch dass erste und letzte Mal, dass wir beide alleine waren, zusammen unsere Köpfe geneigt haben, Arm in Arm und gebetet haben.
Ca 3 Tage vor seinem Tod (das werde ich nie vergessen) stand er vor mir, schaute mir direkt in die Augen und sagte voller Überzeugung: Julia, vergibst du mir? In genau dem Augenblick wusste ich, dass er all das meinte, was in den letzten 20 jahren zwischen uns beiden passiert ist. Ich sagte ihm, dass ich ihm vergebe, und fragte ihn das Gleiche- auch er bejahte.
Ich habe das alles nicht geschrieben, um Mitleid zu bekommen, oder so! Ganz im Gegenteil, ich bin froh, dies heute mit einem ganz großen Frieden in mir schreiben zu dürfen, weil ich einfach damit sagen möchte, wie wichtig VERSÖHNUNG ist!
Ich konnte ihm nicht helfen, ich wusste, er wird bald gehen, ich war aufgewühlt, ärgerlich, traurig, aber ich hatte trotzdem ganz tief innen Frieden in mir, ich dachte immerzu ich wäre ganz allein aber trotzdem hatte ich das Gefühl durch die ganze Zeit hindurch getragen zu werden... Ich hab Gott sehr stark gespürt, sogar in ganz kleinen Dingen im Alltag- Dinge, um die ich mich sofort kümmern würde, oder die mir nicht schwer fallen würden, zu denen ich aber zu der Zeit keine Kraft hatte, sogar da war Gott treu! Ich hab ganz genau verfolgen können, wie er mich Tag für Tag begleitet hat!
Ich habe erkannt, wie wichtig es ist, zu beten und dass es in Ordnung ist, Gott um Liebe zu bitten..
Ja, Ich weiß, man benötigt sehr viel Mut, zu diesen bestimmten Menschen zu gehen, um sich zu versöhnen. Und sie an deinem Leben teilhaben zu lassen, aber vielleicht ist für Einige genau JETZT der Zeitpunkt gekommen, diesen Mut aufzubringen, bevor es zu spät ist!!
Ich weiß, es ist ein sehr steiniger Weg, aber ich kann aus Erfahrung sagen, dass immer, wenn ich in Gefahr war, zu stürzen, seine Hand mich aufgefangen hat.
Ja, ich bin ein Christ, es gibt sau schwere Zeiten im Leben, so, wie eben bei allen Menschen! Es gibt auch Zeiten, da habe ich das Gefühl, ich bin total fern von Gott, bete lange nicht mehr usw., ich schiebe das dann immer auf Arbeit/Stress und solche Sachen, es gibt Zeiten, da ertappe ich mich dabei, lieber wegen den Leuten in die Gemeinde zu gehen, anstatt von Gottes Wort zu lernen, ich mache auch oft Fehler, manche kommen immer wieder.. Manchmal denke ich je mehr Fehler ich mache, desto mehr verstößt Gott mich und ich muss alles wieder aufarbeiten, um seine Liebe wieder zu gewinnen.... ALLES QUATSCH! Das is eine (muss ich ja zugeben) sehr wirksame Lüge des Teufels (und ich glaub, der kommt fast überall damit durch, hab ich Recht??)
Zu dem Zeitpunkt, als Jesus damals am Kreuz hing, wusste er von allen Sünden, die wir begehen werden, d.h. vom Augenblick unserer Geburt bis hin zu unserem Tod! Also wusste er ja ganz genau, worauf er sich einließ und mit diesem Wissen rief er: ES IST VOLLBRACHT dann starb er. Also... Es gibt keinen Fehler, den du tust, den Jesus zu Lebzeiten noch nicht kannte und dafür starb. Das ist natürlich kein Freifahrtschein, um immer weiter so zu machen, wie früher. Es ist eine Sache zwischen dir und Gott deinem Vater! Ein guter Vergleich ist ein Ehepaar, das sich liebt. Wenn einer etwas tut und sieht dann, dass er dem anderen sehr schwer verletzt hat, überlegt er sich das beim nächsten Mal bestimmt 2x, ob er das noch mal tut!
Gott liebt mich, ganz so, wie ich bin! Ich darf mit ganzer Überzeugung sagen, ein Königskind zu sein, denn Gott unser König und Herr ist mein Vater/ mein Designer und er hat mich und dich genau so gemacht, wie er uns haben wollte!





